Frau Vater - Die Geschichte der Maria Einsmann
Eine Frau zieht Männerkleider an, um Arbeit zu finden. So geschehen in Mainz, in den Jahren 1919 bis 1931. Zwölf Jahre lang ahnte niemand, dass der fürsorgliche Familienvater Joseph Einsmann in Wahrheit eine Frau war und Maria hieß.
Nach Ende des Ersten Weltkriegs wurde Maria Einsmann entlassen, sie hatte in Pforzheim in einer Munitionsfabrik gearbeitet. Und andere Arbeit gab es zunächst einmal nur für Männer. Als sie aus dem Krieg zurückkehrten, mussten sie bevorzugt eingestellt werden.
Marias Ehe mit Joseph Einsmann war auch gescheitert und sie lebte von ihrem Mann getrennt. Ihrer Freundin Helene Müller ging es ähnlich und so beschlossen die beiden Frauen einen Neuanfang zu wagen. Sie gingen zusammen nach Mainz. Aber dort fanden sie auch keine Arbeit. Da hatten sie eine Idee: In Marias Gepäck befand sich der Anzug ihres Mannes, den sie bei der Trennung mitgenommen hatte, weil sie ihn von ihrem Geld bezahlt hatte. Und in der Jackentasche fanden die beiden Frauen dann zufällig seine Papiere. Die Anprobe zeigte, dass der Anzug Maria passte. Helene schnitt ihr die Haare - und Maria bewarb sich erfolgreich mit den Papieren ihres Mannes.
Auch privat übernahm Maria die Männerrolle. Die beiden Frauen gaben sich als Ehepaar aus. So fanden sie leichter eine Wohnung. Und dank der bürgerlichen Fassade konnten sie ein relativ sorgenfreies Leben führen. Mit welcher Konsequenz Maria die Rolle des Joseph lebte, zeigt sich daran: Als Helene Müller 1921 und 1930 Töchter zur Welt brachte, meldete sie die Kinder beim Standesamt an und übernahm die Vaterrolle. Nach der Enttarnung wurden die beiden Frauen dann wegen „Kindesunterschiebung“ angeklagt. Als Einsmann nach einem Arbeitsunfall eine Rente bekommen sollte, kam heraus, dass es die Invalidenkarte auf diesen Namen zweimal gab - und der echte Joseph Einsmann nicht der Vater von Helenes Kindern war.
Ein Glücksfall für den Film: Es gab in Mainz noch zwei Zeitzeuginnen, die Einsmann gekannt haben und bereit waren, ihre Erinnerungen zu teilen. Auch wenn sie damals noch ein Kind war, kann sich Christine Daschmann gut an Maria Einsmann erinnern. Ihrer Großmutter gehörte das Haus in der Mainzer Innenstadt, in dessen Dachgeschoss die Familie Einsmann lebte. Ihre Großmutter hat ihr erzählt, dass sie sich wie ein Mann verhalten habe, auch in der Gastwirtschaft, wo sie mit den Männern Karten gespielt habe. „Alle haben gedacht, das sei ein Mann!“
Besonders eindrucksvoll und berührend sind die Erinnerungen von Petra Erkens. Sie ist die Enkeltochter von Helene Müller, der Frau, mit der Maria Einsmann zusammenlebte. Sie erzählt, dass Maria Einsmann in der Familie nach der Enttarnung „die Tante“ genannt wurde - und dass sie immer für die Kinder gesorgt hat. Auch nach der Enttarnung lebten die beiden Frauen weiter zusammen. „Das war eine richtig gewachsene Beziehung“, erinnert sich die Enkelin. Ohne Helene hätte Maria ihre Rolle als Mann nicht so perfekt leben können. „Sie hat ihr den nötigen Rückhalt gegeben, den sie gebraucht hat, um so stark zu sein und durchzuhalten“, sagt Petra Erkens. Und ihr die Haare geschnitten und ihre Wäsche gewaschen.
Der Kleidertausch wird auch in der Literatur gerne aufgegriffen. Auch die in Mainz geborene Anna Seghers hat diese wahre Begebenheit 1934 literarisch verarbeitet. Sie war da schon in Paris im Exil, wo sie kurz darauf ‚Das siebte Kreuz‘ schrieb. Vermutlich hat sie einen Zeitungsartikel aus ihrer alten Heimat gesehen. Sie hat oft so gearbeitet, dass sie wahre Geschichten als Vorlage nahm. Zusammen mit Hans Richter schrieb sie dann ein Drehbuch über die Geschichte der Frau in Männerkleidern. Bei ihr heißt die Protagonistin Katharina.
Auch Barbara Trottnow hat die Geschichte nicht mehr losgelassen. 1995 verfilmte sie Ausschnitte aus dem Drehbuch von Anna Seghers für ihren Film ‚Katharina oder die Kunst Arbeit zu finden‘ in Mainz, an Originalschauplätzen. Schon damals griff sie die Geschichte der Maria Einsmann auf. Sie ließ eine Schauspielerin in die Rolle der Maria Einsmann schlüpfen. Für den neuen Dokumentarfilm konnte sie auf diese Aufnahmen zurückgreifen und sie mit neuen Recherchen und den Aussagen der Zeitzeuginnen verknüpfen. Die wahre Geschichte ist in zahlreichen Zeitungsartikeln gut dokumentiert. Als 1931 entdeckt wurde, dass der beliebte Kollege Joseph Einsmann eine Frau war und Maria hieß, löste das weltweit einen riesigen Medienrummel aus. Einsmann versuchte ihre Popularität mit dem Verkauf von Karten, auf denen sie mit ihrer Familie zu sehen ist, ein wenig für sich zu nutzen.
Gestartet wurde der Film am Equal Pay Day 2021 – einem Tag, der bis heute auf die bestehende Lohnlücke zwischen Frauen und Männern aufmerksam macht. Maria Einsmann fand 1919 nur Arbeit, weil sie als Mann lebte. Aber müssen Frauen wirklich so weit gehen, die Identität eines Mannes anzunehmen? Hoffentlich nicht! Aber offenbar sind ausgefallene Ideen weiterhin gefragt, um etwas zu verändern. Der Film soll dazu ermutigen. Die Geschichte von Maria Einsmann und Helene Müller zeigt, wie überraschend, widersprüchlich und facettenreich das wahre Leben sein kann. Das kann man sich so nicht ausdenken. Aber ein Dokumentarfilm kann es erzählen.
