Spiel-/Dokumentarfilm

Katharina oder die Kunst Arbeit zu finden

Vier Frauen suchen in schwierigen Zeiten Arbeit. Ihre Geschichten liegen Jahrzehnte auseinander – und doch verbindet sie die Frage, wie weit Frauen gehen müssen, um den Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder zu verdienen.

1933 musste die in Mainz geborene Schriftstellerin Anna Seghers vor den Nationalsozialisten nach Paris fliehen. Auf der Suche nach neuen Stoffen erinnerte sie sich dort an einen Zeitungsartikel aus ihrer Geburtsstadt Mainz, der von Maria Einsmann berichtete, die viele Jahre unerkannt als Mann gelebt und gearbeitet hatte. Aus dieser wahren Geschichte entwickelte sie das Drehbuch „Hier gibt's keine Katharina“. Darin erzählt sie von Katharina Rendel, die nach dem Tod ihres Mannes dessen Kleider anzieht, um Arbeit zu finden und ihre beiden Kinder zu ernähren.

Das Drehbuch galt lange als verschollen, bis es Mitte der 1980er-Jahre im Museum of Modern Art in New York wiederentdeckt wurde. Es war der Ausgangspunkt für Barbara Trottnows Film „Katharina oder die Kunst Arbeit zu finden“. Der Film verknüpft Spielszenen nach dem Drehbuch mit dokumentarischen Einblicken in die schwierige Lebenssituation von Anna Seghers im Pariser Exil, der Geschichte von Maria Einsmann und der Situation einer Frau nach der deutschen Wiedervereinigung.

Katharina, Maria, Anna und Gudrun
Vier Frauen, vier Lebensgeschichten – erfunden und wahr, gespielt und beobachtet, damals und heute.

Katharina lebt mit ihren beiden Kindern im Mainz des Krisenjahres 1932. Mit Wäschewaschen hält sie die Familie über Wasser. Ihr Mann ist seit Jahren arbeitslos, als ihm ein Kriegskamerad einen Arbeitsplatz in einer anderen Stadt vermittelt. Aber er ist schwer krank und stirbt auf der Fahrt zum Vorstellungsgespräch. Katharina zieht seine Kleider an, stellt sich an seiner Stelle im Bergwerk vor und wird als Wächter eingestellt. So kann sie den Lebensunterhalt für ihre zwei Kinder verdienen. Eine Bekannte gibt sich als ihre Ehefrau aus. Erst viele Jahre später wird Katharinas wahre Identität nach einem tragischen Unfall entdeckt.

Die Geschichte von Katharina ist erfunden – aber sie beruht auf einer wahren Begebenheit. Maria Einsmann kam 1919 mit ihrer Freundin Helene nach Mainz, nachdem sie sich von ihrem Mann getrennt hatte. Weil sie als Frau keine Arbeit fand, versuchte sie es kurzerhand in Männerkleidung. Gleich ihre erste Bewerbung war erfolgreich. Zwölf Jahre lang blieb der Geschlechtertausch unentdeckt. Maria und Helene gaben sich als Ehepaar aus. Als Helene zwei Kinder bekam, übernahm Maria beim Standesamt die Vaterschaft. Und als ihre Identität 1931 schließlich bekannt wurde, sorgte die Geschichte für Schlagzeilen. Das Foto der Familie Einsmann war wochenlang in einem Mainzer Fotoladen ausgestellt. Im Film werden Szenen aus dieser Geschichte nachgestellt. Eine Schauspielerin schlüpft in die Rolle der Maria Einsmann.

Anna Seghers kannte diese Geschichte vermutlich aus der Zeitung. Im Pariser Exil verarbeitete sie den Stoff zu einem Drehbuch, in dem sich auch ihre eigenen Erfahrungen spiegeln. 1900 in Mainz geboren, hatte sie in Heidelberg studiert und war anschließend nach Berlin gezogen. Nach ihrer Flucht vor den Nationalsozialisten lebte sie mit ihren Kindern Ruth und Pierre im Pariser Vorort Bellevue. Ihre Tochter war damals fünf, ihr Sohn sieben Jahre alt. Familie und Schriftstellerei miteinander zu vereinbaren, war nicht leicht. Oft ging sie zum Schreiben in ein Café. Zugleich plagten sie große finanzielle Sorgen, wie zahlreiche Briefe an Verleger belegen. Nachdem ihr Mann László Radványi in Frankreich interniert worden war, musste sie im Exil allein zurechtkommen. In der Figur der Katharina finden sich viele ihrer eigenen Sorgen als Mutter und Schriftstellerin wieder. Während ihrer Pariser Jahre entstand auch ihr berühmter Roman „Das siebte Kreuz“.

Im Film erinnern sich die Kinder Ruth und Pierre Radványi an ihre Mutter und erzählen, wie sie während des Exils gelebt und gearbeitet hat. Pierre besucht für die Dreharbeiten das Haus in Paris, in dem die Familie damals wohnte. Ruth erinnert sich in der Berliner Wohnung ihrer Mutter, in der sie nach der Rückkehr aus dem Exil lebte und die heute eine Gedenkstätte ist, an diese Zeit.

Eine weitere Frauengeschichte führt in die Zeit nach der deutschen Wiedervereinigung. Gudrun Selent wuchs in der DDR auf und arbeitete lange als Fräserin – in einem Beruf, der als Männerberuf galt. Nach der Wende verlor sie ihre Arbeit. Als alleinerziehende Mutter hatte sie es besonders schwer, eine neue Stelle zu finden. Ihre Situation erinnert an die von Maria Einsmann und Katharina Rendel: Auch Jahrzehnte später waren Frauen und vor allem Mütter auf dem Arbeitsmarkt mit erheblichen Hindernissen konfrontiert.

Barbara Trottnow verfilmte Ausschnitte aus Anna Seghers' Drehbuch „Hier gibt's keine Katharina“ an Originalschauplätzen in Mainz, der Geburtsstadt der Schriftstellerin. Für die Dreharbeiten wurde eigens eine sogenannte „Wäschbrigg“ nachgebaut – ein Floß, auf dem Frauen früher im Rhein ihre Wäsche wuschen. Die Aufnahmen zeigen, wie körperlich schwer diese Arbeit war, die traditionell den Frauen zugeschrieben wurde.

Der Film verknüpft die Spielszenen, die auch unter Tage in einem Bergwerk entstanden, mit dokumentarischen Beobachtungen und Erinnerungen. Und er fragt: Wie weit müssen Frauen gehen, um in schwierigen Zeiten Arbeit zu finden?

Die Fragen, die „Katharina oder die Kunst Arbeit zu finden“ aufwirft, sind bis heute aktuell. Frauen verdienen nach wie vor häufig weniger als Männer, vor allem in den sogenannten Frauenberufen. Und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bleibt eine Herausforderung.